Löwe-Neumond im Juli 2022 – Die Schuldfrage

Der Neumond im Juli ist der Beginn einer Phase voller Leidenschaft, Enttäuschung, Eifersucht, Egozentrik, Drama – und auch eine Phase der Entscheidung.

Der Neumond findet auf 5°38 im Löwen statt. Der Löwe an sich hat schon durchaus Talent für Egozentrik und Drama. Es muss aber noch einiges zusammenkommen, um diesen Teil besonders ins Rampenlicht zu setzen, denn der Löwe ist auch souverän und großzügig und auf lange Strecken auch sehr gutmütig. Es muss etwas passieren, um ihn zum Brüllen zu reizen.

Der Neumond steht im Trigon zum Jupiter im Widder. Das ist erst einmal sehr positiv, denn es bedeutet ein hohes Mass an Kraft, Expansionsdrang und Energie. Die Frage ist, wofür sie genutzt wird.

Die Opposition von Löwe-Neumond und Steinbock-Pluto ist zwar nicht sehr eng, aber immer noch im 10° Radius. Das gibt schon ein paar Hinweise. Hier kommt der junge, starke Held, und legt sich mit dem alten System an. Das alte System hat sehr große Macht, hat seine Tentakeln überall und agiert mit Erpressung, Verführung, Mord und Manipulation.

Wer hier neben dem Neumond auch zur Herausforderin wird ist Venus, die sich im Krebs mit Lilith anlegt. Krebs-Venus kann liebreizend, fröhlich, höflich, verlockend und im Vergleich zur extrem selbstbestimmten Lilith vielleicht auch naiv erscheinen. Sie kann aber auch besitzergreifende Züge annehmen, die ihre Geliebten mit Zuwendung und emotionaler Erpressung geradezu erstickt und keinen Freiraum mehr erlaubt. Lilith dagegen wird im Krebs zum Blaubart. Sie lässt sich niemals die Butter vom Brot nehmen und äussert das normalerweise auch sehr direkt, aber im Krebs schleicht sie sich eher aus dem Hinterhalt an und überwältigt die feinsinnigere Venus. Die Konstellation zeugt durchaus schon von Eifersuchtsdramen und Dreiecksbeziehungen. 

In wenigen Tagen nach Neumond, wenn die feine Mondsichel wieder erscheint, vom 31. Juli bis 1. August, wird die Konjunktion von Mars, Uranus und dem Mondknoten im Stier so genau, wie sie nur werden kann. Eine Konstellation, die ich schon mehrmals beschrieben habe, und die zu einem echten Gamechanger werden kann. Im Stier geht es um das Körperliche, das Wohlbefinden, den Wohlstand, Reichtum, um Landbesitz und im weiteren Sinne um tektonische Plattenverschiebung bis hin zu Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen und um massive geopolitische und weltwirtschaftliche Verwerfungen. Eine fundamentale Veränderung steht an. Vielleicht auch eine Entscheidung, bei der der eine oder andere die Pistole auf der Brust hat…

Venus und Lilith stehen im Sextil zu der Mars/Uranus/Mondknoten-Konjunktion.

Venus ist die Herrscherin über diese Konjunktion, hat aber Lilith im Rücken. Das heisst entweder, sie wird selbst zur wilden Frau, indem sie Liliths Kraft übernimmt, oder aber sie wird, weil sie zu schwach ist,  überwältigt, vereinnahmt, erledigt.

Das klingt nach Mord und Totschlag…

Eine ähnlich überwältigende Kraft wie Lilith hat auch Medea, die als Asteroid beim Neumond steht. Und da haben wir auch gleich den Konflikt:

Medea ist die Königstochter von Kolchis, eine Enkelin des Sonnengottes Helios. Sie verliebt sich in Jason, der auf die Suche nach dem goldenen Vlies geschickt wird, und hilft ihm mit ihren Zauberkräften. Die Göttin Kypris (Aphrodite, Venus) führt ihre Verbindung herbei. Eigentlich ein wunderbarer Heldenepos, der mit dem Erfolg von Jasons Expedition und ihrer Heirat enden könnte – und dies in ältesten Versionen des Epos wohl auch tat. Darin wurde Medea durch Vermittlung ihres Vaters Königin von Korinth und Jason damit König.

In moderneren Versionen kommen Jason und Medea zwar auch nach Korinth. Da verspricht sich Jason aber gesellschaftliche und politische Vorteile, wenn er die dortige Königstochter Glauke, auch Kreusa genannt, heiraten würde. Er will Medea verstossen und zu ihrem Vater zurückschicken.

Ab diesem Moment geht das Drama los, das in so vielen epischen Werken bis hin zur Oper verarbeitet wurde: Medea schickt Kreusa einen vergifteten Mantel, in dem diese innerlich verbrennt. Ihr Vater, der sie retten will und in die Arme nimmt, stirbt ebenfalls. Aus Angst vor der Verfolgung tötet Medea auch noch ihre Söhne. Manche Autoren schreiben, sie tötete Jasons Söhne, um ihn kinderlos zu machen.

Wie auch immer, die Dramen beschreiben die rasende Leidenschaft, die nicht zu bremsen ist und vor Mord und Totschlag nicht zurückschreckt. Man kann Medea nur zu gut verstehen, denn Jasons Verrat ist unverzeihlich. Doch muss sie so weit gehen?

Der Sonnengott Helios schickt ihr seinen Wagen und hilft ihr zu flüchten. Je nach Epos zurück nach Kolchis, zu unbekannten Orten oder auch nach Athen, wo sie ein weiteres Mal in Konkurrenz tritt, diesmal als Mutter ihres Sohnes mit dem dortigen König. Denn der zieht seinen Erstgeborenen Theseus vor…

Die beiden Konkurrentinnen, Medea und Glauke, könnten verschiedener nicht sein: Medea kommt aus dem mythischen Wunderland, aus einer Zeit, in der noch archaische Sitten herrschten. Sie ist leidenschaftlich, stark und selbstbestimmt, und sie liebt aus vollem Herzen. Glauke dagegen ist mit den höfischen Regeln des damaligen Griechenlands vertraut, verspricht gesellschaftliche Inklusion und eine Vernunftehe.

 Das ganze Medea-Drama spiegelt sich in der Neumondkonstellation: Lilith-Venus im Sextil zu Mars/Uranus/Mondknoten. Der Mondknoten erfordert eine Entscheidung. Einen Wechsel, eine fundamentale Veränderung. Venus (Kypris) segnete die Verbindung von Medea (Lilith) und Jason (Mars), sie tritt dann aber auch wieder als Konkurrentin Glauke auf den Plan. Mond und Sonne im Trigon mit Jupiter und in Opposition zu Pluto deuten auf extrem gesteigerte Leidenschaftlichkeit hin.

Es gibt zwei Asteroiden, die nach Glauke bzw. Kreusa benannt sind. Sie stehen interessanterweise in Opposition und im Quadrat zu Pluto, im weiteren Sinne auch in Konjunktion mit Neumond und Medea bzw. im Quadrat dazu. Damit ist die Geschichte im Neumondhoroskop rund.

Noch runder wird sie, wenn man das sabische Symbol des Neumonds betrachtet: Eine konservative, altmodische Dame steht einem Flapper gegenüber.

Flapper (engl. „jemand, der flattert“) bezeichnete in den 1920er Jahren junge Frauen, die kurze Röcke und kurzes Haar trugen, Jazz hörten und sich über die Regeln des guten Benehmens selbstbewusst hinwegsetzten. Die Flappers galten in ihrer Zeit als keck und frech, weil sie sich schminkten, hochprozentigen Alkohol tranken und rauchten.

Das Unkonventionelle von Medea findet sich vielleicht in dem Flapper wieder. Sie bleibt bei Jason, weil sie ihn liebt, nicht weil sie sich gesellschaftlichen Regeln unterwirft. Glauke wäre dann die höfische, altmodische Dame. Altmodisch dann eher im Sinne von konventionell, vernünftig.

Die Tarotkarten für den Neumond sind der Hohepriester und die Kunst.

Im Hohepriester sehen wir die Konventionen. Glaubenssätze, die uns einschränken können, die aber als Narrativ eine Gesellschaft zusammenhalten können. Im Gegensatz dazu steht die Kunst für die Alchemie, in der jeder Einzelne auf die Suche nach dem Stein des Weisen (in sich) gehen muss. Der Hohepriester steht für Wohlverhalten und dem Folgen einer bestimmten Lehre, die Kunst dafür, Gegensätze nicht zu ignorieren, sondern zu integrieren, auch wenn das manchmal inneren Aufruhr zur Folge hat. Die Kunst wird hier sein, das Alte und das Neue zu vereinen. Die Leidenschaft und Selbstbestimmtheit der Medea mit der Vernunft, aber auch Naivität einer Glauke. 

Genaugenommen bilden beide Frauen ja zwei Seiten einer Medaille. Zwei Extreme. Extreme, die nicht gut sind. Weder ist es gut und gesund, seinen Leidenschaften freien Lauf zu lassen, ohne Rücksicht auf Verluste, noch ist es gut, sich hinter Regeln und falschen Glaubenssätzen zu verstecken und sich selbst zu verleugnen, in der Hoffnung, dadurch Vorteile zu gewinnen. Wie in dem Märchen Aschenputtel, werden die Stiefmutter und Stiefschwestern immer garstiger, je mehr Aschenputtel versucht, sich anzupassen. Man zieht Zorn, Neid, Wut, Verachtung geradezu magisch an. Der goldene Mittelweg ist gefragt. Eine Synthese aus beidem.

Am besten erreicht man das, indem man sich mit seinem eigenen höheren Selbst verbindet. Das ist die eigentliche Rückbindung (religio). Sich selbst lieben lernen. Sich selbst akzeptieren lernen. Mit sich selbst ins Reine kommen. Zu sich stehen. Kann man das, wird man sich nicht von Verlustängsten und Panik zu Mord und Totschlag hinreissen lassen, wie Medea. Man wird sich aber auch nicht selbst verleugnen wie Glauke.

Der Hohepriester steht auch für Schuld, Schuldgefühle, Ablasshandel. Und Schuld haben alle Beteiligten des Medea-Dramas auf sich geladen. Jason hätte Medea nicht für Ruhm und Status verstossen dürfen. Glauke hätte sich nicht zwischen die beiden drängen dürfen. Und Medea hatte kein Recht zu töten.

In Ostasien findet der Neumond auf Grund der Zeitzzonen einen Tag später statt. Dann sind die Tarotkarten Die Liebenden und Der Teufel.

Darin findet sich das Medea-Drama deutlicher wieder. Es geht um eine Entscheidung, ein entschiedenes Ja zu etwas oder jemandem. Es geht um Liebe. Es geht um Selbstbestimmung und eigene Gestaltungsfreiheit (der Teufel im positiven Sinne). Aber es geht auch um verhängnisvolle Bindungen, um Manipulation und Erpressung. Egoismus. Sich klammern an etwas, das nicht mehr zuträglich ist und die persönliche Freiheit massiv einschränkt. 

Aber auch diese Karten führen am Ende zur Selbstliebe. Denn man kann nur jemand anderen lieben und als das annehmen, was er ist, wenn man sich selbst vollständig annimmt. Solange das nicht der Fall ist, wird man versuchen, den anderen zu missbrauchen, um seine eigenen Bedürfnisse zu stillen. Und das geht meist mit unlauteren Mitteln vonstatten, mit besitzergreifender, eifersüchtiger Liebe wie Medea, oder durch Anpassung und Selbstverleugnung wie Glauke, durch egoistischen Missbrauch wie Jason.

Auch bei der Tarotkarte der Teufel kommt die Schuldfrage in den Fokus, eine Schuld, die alle Beteiligten unselig miteinander verbindet, auch über die Tat, die sie physisch voneinander getrennt hat, hinaus.

Die Lösung ist in vielen Fällen, nicht der Schuldfrage nachzugehen, sondern eine Lösung des Problems zu finden. Dazu muss man sich selbst aus der unseligen Bindung lösen und aus der eigenen Mitte heraus urteilen und handeln.

Interessant ist noch, dass der Mond zuletzt früh morgens am 27. Juli bei der Krebs-Venus gesehen wird, bevor die Sichel ganz verschwindet. Dann dauert es ein paar Tage, bis sich die zunehmende Sichel wieder zeigt, diesmal in den ersten Graden der Jungfrau am 30. Juli.

Er bewegt sich also aus den schwülen Krebsgefilden – mit Venus und Lilith im Clinch – heraus, durch den Löwen, wo er von der Sonne „verbrannt“ wird, hinein in die integre Jungfrau. Und die passt natürlich hervorragend zu dem Hohepriester mit der Rückbindung an das höhere Selbst. Auch wenn sie im unerlösten Zustand eine Prinzipienreiterin oder eine unangepasste, geradezu rebellische Einzelgängerin sein kann, oder sich mit schwelenden Schuldgefühlen und Selbstkasteiung herumschlagen muss, was alles auch dem verzerrten Hohepriester entspricht…

Zur Jungfrau empfehle ich den Artikel von Eva Stangenberg. Er hilft vielleicht, zu verstehen, wie die Synthese, die dieser Neumond von uns fordert, aussehen könnte.

Wer den Mond beobachten will, wie er verschwindet und wieder auftaucht, der findet gute Hinweise beim Bayrischen Rundfunk.

Siderisch, also bezogen auf die echten Sternbilder am Himmel, taucht der Mond im Stier unter, während die Venus (mit dem rechnerischen Punkt Lilith) genau zwischen dessen Hörnern steht. Auftauchen wird er in der Nähe des Fixstern Regulus, dem Herzen des Sternbilds Löwe.

Ein Hinweis darauf, dass der Durchgang Mut erfordert, Empathie und Selbstvertrauen…

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